Was erzählt uns ein Symptom, wenn wir genauer hinhören?
Ein Symptom ist zunächst einmal eine Veränderung, die wir wahrnehmen: ein Schmerz, eine Schlafstörung, eine Verdauungsbeschwerde, eine Hautveränderung oder eine wiederkehrende Erschöpfung.
In der klassischen Homöopathie wird ein solches Symptom nicht isoliert betrachtet. Im Mittelpunkt steht der Mensch, bei dem die Beschwerden auftreten. Denn dieselbe Beschwerde kann sich bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich zeigen und auch unterschiedlich erlebt werden.
Mich interessiert nicht nur, welches Symptom vorhanden ist, sondern besonders, wie der Mensch seine Empfindung selbst erlebt und beschreibt.
Was bedeutet es, wenn ein Symptom eine „Geschichte“ erzählt?
Mit der Geschichte eines Symptoms meine ich nicht, dass hinter jeder Beschwerde eine verborgene Bedeutung gesucht werden muss. Vielmehr geht es darum, möglichst genau wahrzunehmen, wie sich ein Krankheitssymptom bei diesem Menschen zeigt und wie es erlebt wird
Nehmen wir zum Beispiel Kopfschmerzen.
Für die Anamnese sind folgende Fragen von Bedeutung:
- Wann treten die Kopfschmerzen auf?
- Wie fühlen sie sich genau an?
- Was verschlimmert oder lindert sie?
- Gibt es eine bestimmte Tageszeit, zu der sie auftreten?
- Begleiten andere Empfindungen die Beschwerden?
- Gibt es etwas, das in dieser Situation besonders gut tut?
- Hat sich gleichzeitig etwas im allgemeinen Befinden verändert?
Solche Fragen helfen dabei, die Beschwerden nicht nur als Diagnose oder einzelne Symptome zu betrachten. Sie machen sichtbar, wie sich die Beschwerden ganz persönlich zeigen.
Darüber hinaus möchte ich verstehen, wie genau der Patient diesen Kopfschmerz empfindet und beschreibt.
Warum individuelle Details wichtig sind
Zwei Menschen können unter einer ähnlichen Beschwerde leiden und sie dennoch völlig unterschiedlich erleben.
Der eine Mensch empfindet einen Schmerz vielleicht als hämmernd, möchte sich zurückziehen und braucht Ruhe und Dunkelheit. Ein anderer empfindet die Beschwerden eher als Druck, möchte sich bewegen oder sucht Gesellschaft.
In der klassischen homöopathischen Anamnese geht es deshalb darum, möglichst viele dieser persönlichen Besonderheiten wahrzunehmen. Nicht jedes Detail ist automatisch bedeutsam. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel der verschiedenen Beobachtungen und das Gesamtbild, das sich im Gespräch entwickelt.
Zuhören, wahrnehmen, verstehen
Für mich ist dieses individuelle Erzählen ein wesentlicher Bestandteil der klassischen homöopathischen Anamnese und ist ein Prozess des Zuhörens.
So entsteht im Gespräch nach und nach ein umfassenderes Bild – nicht nur von einem einzelnen Symptom, sondern von dem Menschen, der mit diesen Beschwerden zu mir kommt.
Denn manchmal liegt das Wesentliche nicht allein darin, welches Symptom vorhanden ist, sondern darin, wie es sich für diesen Menschen anfühlt.
Und genau dieser persönlichen Geschichte möchte ich in der Anamnese Raum geben.

